Strassenschlucht

von in Zweiradstories mit 1173 Views

Nachtträume

*** Mit diesem kleinen „Intro“ will ich auch nur ein wenig Aufmerksamkeit erhaschen und mich als neuer „Blogger“ in der Runde vorstellen.

Abseits davon ist es auch ein kleiner Teaser für mein im Herbst erscheinendes Erstlingswerk. ***

 

Strassenschlucht

Die Lichter der Tunnelbeleuchtung verschmelzen zu einer durchgehenden Linie, die Autos rechts und links stehen, der Scheinwerfer schneidet sich durch die Nacht, ich brülle. Ich schreie unter meinem Helm, ich schreie alles heraus, Universitätstunnel Düsseldorf, der Motor brüllt, Frank ist mit seiner Maschine hinter mir, wieder einmal. Wir rasen durch die Nacht, wieder einmal. Über 300 km/h, 80 sind erlaubt, die Radarfallen kennen wir, sie kennen uns. Mindestens einmal in der Woche werden wir hier fotografiert, sinnlos. Ausfahrt Bilk, die erste hinter dem Tunnel raus, innen an den Autos vorbei, volle Schräglage, die Ausfahrt geht mit 250, wenn man sich traut, die Fussraste schabt auf dem Asphalt.

Die gut ausgebaute zweispurige Strecke führt direkt ins Zentrum von Düsseldorf, über Straßenbahnschienen, an Autohäusern vorbei, keine Zeit die Gegend zu studieren, Vollgas immer weiter, immer weiter, vier Uhr morgens, die Motoren brüllen uns aus den Straßenschluchten an, Licht flackert, Taxifahrer hupen, wir beschleunigen. Irgendwo hinter mir ist Frank, manchmal setzt er an, versucht zu überholen, nie schafft er es, wir fahren immer am Limit, springen über Kopfsteinpflaster, driften durch die engeren Kehren, rasen runter zur Altstadt, Richtung Oberkassel, über die Rheinkniebrücke.

Düsseldorf-Heerdt, vorbei an dem riesigen Fabrikgelände von Teekanne. Wir sind so weit weg von einem gemütlichen Tee, wie man nur sein kann. Es gilt, das Vorderrad unter Kontrolle zu halten, die schlingernde Maschine nach den kurzen Sprüngen zu packen, ihr den Willen aufzuzwingen, es geht nur darum, stärker zu sein, bis sie nachgibt. Wieder zurück auf die A46, Richtung Wuppertal, noch einmal Universitätstunnel, noch einmal Vollgas, noch einmal die Lichter verschmelzen sehen, schreien und brüllen, ekstatisch, die Geschwindigkeit fühlen, den Rausch durchleben. Am Hildener Kreuz trennen sich unsere Wege, wir haben uns eh nichts zu sagen, haben alles gesagt, während wir fuhren. Wer hier führt, wer im Windschatten ist, wer mutiger ist, ich gebe die Linie vor.

Hoch die A3, immer die A3, Richtung Oberhausen, noch einmal runter von der Bahn, Landstrasse, diesmal muss die Kurve auf der B7 schneller gehen, schneller als 180, schneller als 200, das Tacho zeigt 220 km/h, ich lege mich nach rechts, die R1 kreischt unter mir, ich sehe das Taxi, so gut wie stehend, mitten in der Kurve. Vollbremsung, die Maschine richtet sich auf, ich drücke sie nach links, tauche ab, kann fast die Stosstange des Taxis berühren, beschleunige, bin im Drift, ganz ruhig, unaufgeregt. Auf dieser Maschine beherrsche ich die Physik, die Kurve geht mit 220, ohne Taxi. Nachhause, rein in die Tiefgarage, eine Zigarette während der Motor knisternd abkühlt. Ich streichele meine Liebste, meine R1, es ist fünf Uhr, ich gehe duschen, dann ins Bett. Da draußen, auf der Maschine, alleine, da bin ich zuhause. Das ist meine Welt, deren König ich bin.